„Wir wollen unsere Tiere nicht verschrotten“

JOHANNESBERG/BAYER. UNTERMAIN (ps). Rinder, Schweine und Co. über weite Strecken zu einem Schlachthof transportieren zu müssen, ist nicht nur für die Tiere eine Tortur, sondern auch für unsere Landwirte eine große Belastung. Der Tierschutz-Skandal und die Insolvenz des Aschaffenburger Schlachthofs verschlechtert die Situation zusätzlich, zumal Mitte 2026 endgültig Schluss ist. Eine Gruppe von Landwirten und Metzgern aus unserer Region will etwas verändern und einen modernen, transparenten Schlachthof gründen, der Fleisch aus dem Spessart für den Spessart bietet.
Guido Steinels Hof befindet sich in Johannesberg, idyllisch gelegen am Waldrand. Hier laufen die Hühner frei herum, seine Rinder recken neugierig die Köpfe, wenn er ans Gatter tritt. Nur für die Winterzeit kommt die kleine Herde in den Stall mit Freilauf, ansonsten können die Tiere das ganze Jahr über draußen auf den Spessartwiesen grasen. Für ihn ist klar: Es muss ein lokaler, moderner Schlachthof her, in dem höchste Tierschutzstandards beachtet werden und das Fleisch aus der Region auch für die Region vermarktet wird. „Wenn wir Fleisch essen wollen, müssen wir Tiere schlachten. Aber es soll nicht mehr der reine Kommerz eine Rolle spielen, wir möchten die Tiere in guten Händen wissen und das Ganze soll so würdevoll wie möglich ablaufen“, sagt er.
Landwirte und Metzger arbeiten zusammen
„Wenn wir lokales Lammfleisch an Edeka verkaufen, wird von uns verlangt, dass wir die Tiere von hier nach Mannheim bringen. Dort werden sie geschlachtet, dann wird das Fleisch weiter nach Rheinstätten gebracht und umgepackt. Und dann kommt es wieder zurück in den Supermarkt im Spessart und liegt neben dem Lammfleisch aus Neuseeland, was natürlich wesentlich preiswerter ist“, erklärt Steinel. „Solche Dinge sollten eigentlich nicht mehr sein - die Zeit ist rum, in der wir Billigfleisch kaufen, was über die halbe Erdkugel transportiert wurde.“ Auch Marco Häuser, Geschäftsführer der Metzgerei Häuser, die in und um Aschaffenburg zahlreiche Filialen hat, ist bei der Planung des neuen Schlachthofs mit im Boot. „Es ist ein Projekt für alle. Unser erstes Ziel ist es, für die Region Bayerischer Untermain und auch das Rhein-Main-Gebiet hochwertiges Fleisch zu erzeugen. Durch die genossenschaftliche Organisation können sich möglichst viele Menschen an dem Projekt beteiligen. Sie können Genossenschaftsanteile kaufen und haben dann auch ein Stimmrecht, unabhängig vom finanziellen Beitrag“, erklärt Häuser. Vergangenen Mittwoch wurde das Schlachthof-Konzept geladenen Landwirten, Metzgern und anderen Interessenten aus der Region offiziell vorgestellt. „Es war eine sehr erfolgreiche Veranstaltung - das gibt uns viel Energie, das Projekt Schlachthof voranzutreiben.“ Wie viele Mitarbeiter der geplante Schlachthof braucht und wie viele Tiere vermarktet werden sollen, wurde bereits genau berechnet, ein passendes Grundstück muss noch gefunden werden. „Für unsere Genossenschaft brauchen wir etwa 100 Landwirte und Metzger. Außerdem sind wir natürlich auf Zuschüsse angewiesen, ohne staatliche Förderung geht es nicht“, so Guido Steinel.
Hoffnung für kleine Höfe
Mehr Tierwohl, mehr Regionalität und hohe Qualität: Das versprechen sich die Landwirte und Metzger um Guido Steinel und Marco Häuser von dem geplanten Schlachthof. „Wir arbeiten seit Generationen mit Landwirten aus der Region zusammen und wir brauchen einfach eine verlässliche Stelle, an der wir die Tiere übernehmen können und sie ethisch anspruchsvoll geschlachtet werden, um den Verbrauchern hier in der Region gutes Fleisch anbieten zu können“, so Häuser. Das Projekt soll auch dabei helfen, kleine Höfe und dadurch die Kulturlandschaft des Spessarts zu erhalten. „Wenn wir unsere Tiere über weite Strecken transportieren müssen, können wir die Biolandwirtschaft mit kleinen Höfen nicht erhalten. Wir wollen unsere Tiere in einem lokalen Schlachthof mit hohen Tierschutzkriterien geschlachtet wissen und wir wollen wissen, dass mit unseren Tieren ordentlich umgegangen wird“, stellt Landwirt Guido Steinel klar. „Für uns Landwirte ist es eine Horror-Vorstellung, dass das Tier, was man großgezogen hat, im Schlachthof misshandelt wird. Wir sind da dran und wollen mit unserem Konzept Strukturen schaffen, die solche Dinge vermeiden.“ Wenn alles klappt, könnte ein neuer Schlachthof eine große Chance für Landwirte, Metzger und die ganze Region sein.